Die neue Anlageklasse: Warum „Megawatt“ 2026 höher bewertet werden als Landflächen

Rostyslav Nykitenko

Das Ende des traditionellen Standortprinzips

Jahrzehntelang war die Immobilienmaxime in Osteuropa einfach: Grundstücke nahe der Hauptstadt, der Autobahn oder der Grenze kaufen. Investoren aus den USA und der EU gaben Millionen für den Aufbau von Grundstücksportfolios aus, deren Wert sich nach Logistik und Fläche richtete.

2026 wird dieses Modell überholt sein.

Während die Ukraine ihr Energiesystem unter hohem Druck rasch dezentralisiert, hat sich eine neue Werthierarchie herausgebildet. Wir beobachten eine Zweiteilung des Immobilienmarkts. Auf der einen Seite stehen „energiegesicherte“ Grundstücke: unscheinbare Flächen, die zufällig neben einem Umspannwerk mit verfügbarer Kapazität oder einem Gasverteilungsknoten liegen. Sie werden mit enormen Aufschlägen gehandelt.

Auf der anderen Seite stehen „gestrandete Immobilien“: logistisch erstklassige Standorte, die praktisch wertlos sind, weil der örtliche Verteilernetzbetreiber (DSO) in den nächsten 5 Jahren keinen Anschluss bereitstellen kann.

Für internationale Projektentwickler, Agrarholdings und Infrastrukturfonds, die in den ukrainischen Markt eintreten, ist die Erkenntnis hart, aber einfach: Sie kaufen keine Hektar. Sie kaufen Megawatt.

Bei Nykitenko Legal beraten wir ausländische Kapitalgeber beim Markteintritt. Zunehmend zeigt sich, dass der Projekterfolg schon vor dem Grundstückskauf feststeht: bei der technischen und regulatorischen Due Diligence des Netzanschlusses.

In dieser Phase greifen ausländische Investoren üblicherweise auf Beratung zu Auslandsinvestitionen & Kapital zurück, um vor dem Erwerb neben dem Grundstückswert auch die regulatorische und infrastrukturelle Machbarkeit des Projekts zu beurteilen.

Diese Analyse erläutert, warum der „Netzanschlusspunkt“ heute Ihr wertvollstes Gut ist und wie Sie den Grundstückserwerb strukturieren, um diesen Wert zu schützen.

Die neue Bewertungskennzahl: CAPEX je MW

Der grundlegende Fehler vieler westlicher Investoren besteht darin, ukrainische Grundstücksgeschäfte anhand flächenbezogener Vergleichstransaktionen zu bewerten.

Alte Kennzahl: Preis je Hektar / Preis je Quadratmeter.

Neue Kennzahl (2026): Preis je gesichertem MW Leistung.

Die Ökonomie der Knappheit: Das ukrainische Stromnetz ist überlastet. Neue „Technische Anschlussbedingungen“ (TU) für eine erhebliche Last zu erhalten, etwa 10 MW für einen Logistikpark oder ein Gasspitzenlastkraftwerk, ist längst nicht mehr nur eine Frage der Gebührenzahlung. Dazu gehören komplexe Umbauten von Umspannwerken, der Bau kilometerlanger Leitungen und eine bürokratische Warteschlange von möglicherweise 18–24 Monaten.

Der „Brownfield“-Aufschlag: Deshalb werden verfallene Fabriken aus der Sowjetzeit derzeit höher bewertet als unbebaute Standorte. Die Fabrikgebäude mögen Ruinen sein, doch für die Netzanschlussrechte und den verfügbaren Gasdruck besteht häufig Bestandsschutz, oder sie lassen sich leichter wiederherstellen.

Strategischer Rat: Rechnen Sie bei der Bewertung eines Zielobjekts den Gebäudewert heraus. Berechnen Sie die Kosten der Stromerschließung eines unbebauten Standorts einschließlich der Kosten einer zweijährigen Verzögerung. Häufig werden Sie feststellen, dass ein Aufschlag von 50 % für einen Standort mit gültigen TU gemessen am Nettobarwert (NPV) tatsächlich einen Preisvorteil darstellt.

Die „Gasfalle“: Der verborgene Engpass dezentraler Erzeugung

Ein prägender Trend für 2026–2028 ist der Wettlauf um den Aufbau dezentraler Gaserzeugung mit Gaskolbenmotoren oder Gas-und-Dampf-Kombikraftwerken (CCGT), um Energieautonomie zu sichern oder auf dem Regelenergiemarkt zu verkaufen.

Investoren finden ein Grundstück. Sie prüfen die Einspeisekapazität des Stromnetzes. Alles sieht gut aus. Sie kaufen das Grundstück.
Dann scheitert das Projekt. Warum? Wegen des Gasdrucks.

Die Physik der Investition: Ein 20-MW-Gaskraftwerk lässt sich nicht einfach an eine übliche kommunale Gasleitung für die Gebäudeheizung mit Nieder- oder Mitteldruck anschließen. Erforderlich ist Zugang zu Hochdruckgasleitungen der Kategorie I oder II mit ausreichendem Volumenstrom.

Die Lücke in der Due Diligence: Wir erleben häufig, dass Investoren Grundstücke anhand einer „Gaskarte“ erwerben, auf der eine Leitung in der Nähe eingezeichnet ist.

Die Realität:

Diese Leitung kann durch bestehende Industriebetriebe bereits vollständig ausgelastet sein, oder der Druck reicht für Turbinen nicht aus.

Die Kosten:

Der Bau einer eigenen Gasanschlussleitung kann über 500.000 US-Dollar je Kilometer kosten, ohne Grundstücksdienstbarkeiten.

Einblick von Nykitenko Legal: Vor Unterzeichnung eines Grundstücksvorvertrags verlangen wir eine „gashydraulische Berechnung“ des Gasverteilernetzbetreibers. Fehlt der Druck, ist das Grundstück nur ein Feld. 

Die Bewertung von Netzzugang, Technischen Anschlussbedingungen und Übertragungsengpässen erfordert fundierte Beratung im Energierecht & Infrastrukturrecht, da die Netzkapazität zu einem entscheidenden Bewertungsfaktor geworden ist.

Das regulatorische Minenfeld: Flächennutzungsplanung & „Zweckbestimmung“

Für Investoren aus den USA und der EU kann das starre ukrainische System der Flächennutzung überraschend sein. In den USA ist eine Umwidmung häufig ein politischer Prozess. In der Ukraine ist sie ein streng geregeltes Rechtsverfahren mit erheblichen Sanktionen bei Verstößen.

Eine Diskrepanz zwischen der Zweckbestimmung des Grundstücks und der vorgesehenen Energienutzung schafft erhebliche Entziehungs- und Genehmigungsrisiken. Damit wird Compliance- & Rechtsrisikoberatung zu einem zentralen Bestandteil der Grundstückserwerbsstrategie.

Das Szenario: Ein Investor findet das perfekte Grundstück für einen Solarpark oder ein Gaskraftwerk. Es ist als „landwirtschaftlich“ ausgewiesen. Der Verkäufer sagt: „Keine Sorge, die Zweckbestimmung ändern wir später.“

Das Risiko: Landwirtschaftliche Flächen ohne förmliche Änderung ihrer „Zweckbestimmung“ (Cileve Pryznachennia) industriell zur Energieerzeugung zu nutzen, verstößt gegen das Bodengesetzbuch.

  1. Entziehungsrisiko: Der Staat darf Grundstücke entziehen, die dauerhaft entgegen ihrer ausgewiesenen Zweckbestimmung genutzt werden.
  2. Verweigerung des Netzanschlusses: Der Verteilernetzbetreiber verweigert die Zuschaltung einer Anlage, wenn der Grundstückstitel nicht zur Anlagenart passt, etwa beim Bau eines Kraftwerks auf Ackerland.
  3. Korruptionsrisiko: Eine Nutzung entgegen der Flächenausweisung macht das Projekt anfällig für Erpressung im Zusammenhang mit behördlichen Maßnahmen.

Die Lösung: Die Umwidmung von „landwirtschaftlichen“ zu „Energie-/Industrieflächen“ (Code 14.01 oder 11.02) ist ein bürokratisches Verfahren von 3–6 Monaten.

  • Strategie: Vollziehen Sie keinen Kauf landwirtschaftlicher Flächen. Strukturieren Sie das Geschäft als „Superficies“ (Bebauungsrecht) oder machen Sie den Vollzug davon abhängig, dass der Verkäufer die Umwidmung erfolgreich abschließt.

Transaktionsstrukturierung: Die „Netzvorbehaltsklausel“

Wie schützen Sie in diesem Umfeld Ihr Kapital? Standardmäßige Immobilienkaufverträge (SPA) reichen nicht aus. Sie benötigen einen SPA, der die Energieversorgung integriert.

Standardmäßige Immobilien-SPAs berücksichtigen die Netzabhängigkeit selten. Deshalb benötigen Investoren zunehmend Vertragsrechtsberatung & rechtliche Prüfung mit Fokus auf energiespezifische Vollzugsbedingungen.

Bei Nykitenko Legal strukturieren wir Grundstückserwerbe ausländischer Investoren mit einem meilensteinabhängigen Vollzugsmechanismus:

Vorprüfung (Woche 1–2):

Wir prüfen die Gültigkeit bestehender Technischer Anschlussbedingungen (TU). Sind sie abgelaufen? Sind sie übertragbar?

Treuhandkonto / bedingte Anzahlung:

Das Geld wird auf einem Treuhandkonto hinterlegt, aber nicht an den Verkäufer ausgezahlt.

Die „Netzprüfung“:

Der Verkäufer muss ein förmliches Bestätigungsschreiben des Verteilernetz- bzw. Übertragungsnetzbetreibers (DSO/TSO) einholen, das bestätigt, dass die Netzkapazität reserviert ist und für den neuen Eigentümer gilt.

Die „Flächennutzungsprüfung“:

Prüfung, ob der detaillierte Gebietsplan (DPT) Energieinfrastruktur zulässt.

Vollzug:

Die Mittel werden erst freigegeben, wenn diese energiespezifischen Vollzugsbedingungen (CPs) erfüllt sind.

Warum das wichtig ist: Wir haben Fälle erlebt, in denen Investoren Grundstücke mit „gültigen TU“ kauften und einen Monat später feststellten, dass die TU nicht übertragbar waren oder vom Übertragungsnetzbetreiber wegen einer Netzumgestaltung aufgehoben worden waren. Der Grundstückswert fiel über Nacht um 80 %.

Infrastruktur ist die neue Immobilie

Für 2026–2028 sollte die ukrainische Investitionslandkarte nicht anhand von Verwaltungsgrenzen oder schönen Ausblicken betrachtet werden. Sie sollte als Heatmap von Netzkapazität und Gasdruck verstanden werden.

  • An Projektentwickler: Suchen Sie nicht länger nach „billigem Land“. Suchen Sie nach „verfügbarer Leistung“. Teures Land mit Strom ist günstiger als billiges Land ohne Strom.
  • An Agrarholdings: Prüfen Sie Ihr Grundstücksportfolio. Möglicherweise verfügen Sie über „Energiegoldminen“: ertragsschwache Felder, die zufällig nahe Hochspannungsumspannwerken liegen. Diese sollten ausgegliedert und als Energieanlagen entwickelt werden.
  • An Investoren: Ihr Due-Diligence-Team muss neben Juristen auch Elektro- und Gasingenieure umfassen.

Immobilien sind statisch. Energie ist dynamisch. Investieren Sie in das Dynamische.

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